Unter sich und mittendrin

Oberkassel, abgehoben bis gemütlich

Wer in Düsseldorf eine »sehr gute Adresse« sucht, kommt am linksrheinischen Oberkassel kaum vorbei. Hier finden sich in meist ruhigen Seitenstraßen Altbauten aller Schattierungen zwischen Jugendstil und Neoklassizismus, von denen weit über 300 unter Denkmalschutz stehen. Dazu machen hochklassige Neubauten, eine repräsentative Rheinfront und ein vielfältiges Gastronomie- und Shoppingangebot dieses Quartier zu einer der teuersten Wohnlagen der Stadt. Man wohnt zentral, nur duch den Rhein von Alt- und Innenstadt getrennt, ist unter sich und doch mittendrin. Oberkassel, manchmal »OK« oder gar »Hyperkassel« genannt, scheut sich nicht, das zum Teil etwas abgehobene Klischee Düsseldorfs zu bestätigen und bietet dennoch den großen Reiz des Gemütlichen. Wer in Leverkusen oder auf Schalke Fußball spielt, wohnt gerne in Oberkassel, wer in der ersten Künstlerliga spielt, ebenfalls. Gustaf Gründgens, Joseph Beuys, Günther Uecker, Andreas Gursky und Thomas Ruff sind nur einige Namen berühmter Oberkasseler.

Zwar freuen wir uns heute über die beinahe vollständig erhaltenen Altbau-Straßenzüge mit ihren niemals gleichen Giebeln, doch ist von der bis ins frühe Mittelalter zurückreichenden Geschichte Oberkassels nichts mehr zu erkennen. Lange Zeit war es ein kleines Dorf auf der Halbinsel der »Rheinknie« genannten Schleife des Flusses.

Die zum Kirchspiel Heerdt gehörige und Kurköln zugeordnete Siedlung orientierte sich eher nach Neuss als zum rechtsrheinischen und zum Herzogtum Berg gehörigen Düsseldorf. Das änderte sich ein stückweit, als Kurfürst Johan Wilhelm von der Pfalz – in Düsseldorf kurz »Jan Wellem« genannt – am Oberkasseler Rheinufer 1689 eine seine Stadt vor Angriffen schützende Schanze errichten ließ. Heute erinnert nur noch der Name der Schanzenstraße an diese Festung. Erst als er etwas später eine Fährverbindung zwischen den beiden Rheinseiten schuf, entdeckten die linksrheinischen Bauern den Düsseldorfer Markt mehr und mehr für sich. Diese Verbindung wurde jedoch als Wirkung des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) und besonders des Ersten Koalitionskrieges (1792-1797) durch eine Zollgrenze wieder gekappt. Von 1794 bis 1815 gehörte die linke Rheinseite zu Frankreich. Danach ordneten die Preußen Oberkassel der Stadt Neuss zu, richteten aber 1839 mit einer Pontonbrücke eine erste einigermaßen feste Verbindung mit Düsseldorf ein. Im Zuge der Industrialisierung schloss man Oberkassel an die Bahnlinie Düsseldorf-Aachen an. In Ermangelung einer Eisenbahnbrücke begann oder endete die Fahrt am heute eine Hausbrauerei beherbergenden Bahnhof am Belsenplatz. Güter wurden direkt an der Pontonbrücke umgeladen.

1895 bildeten Industrielle ein Konsortium, das eine feste Rheinbrücke – die Oberkasseler Brücke – bauen ließ. 1896 wurde die Rheinische Bahngesellschaft AG – kurz »Rheinbahn« – gegründet und Europas erste elektrische Schnellbahn über die neue Brücke zwischen Düsseldorf und Krefeld eingerichtet, die lange Jahre als »K-Bahn« und heute als U76 zwischen beiden Städten verkehrt. Bereits 1901 kam die am Oberkasseler Bahnhof abzweigende Bahn nach Neuss hinzu.

Damit begann die Entwicklung Oberkassels zu dem Stadtteil, wie wir ihn heute kennen. Zwischen 1906 bis 1914, also in der Zeit des Jugendstils, wurden jährlich ca. einhundert neue Häuser gebaut, vornehmlich für höhere Beamte, Juristen, Geschäftsleute und Freiberufler. Im Grunde wurde schon damals die heutige Einwohnerstruktur vorgegeben. Inmitten dieser Bautätigkeit erfolgte gemeinsam mit weiteren linksrheinischen Gemeinden 1909 die Eingemeindung nach Düsseldorf.

Heute verbinden Oberkassel zwei Brücken – die Kniebrücke und die Oberkasseler Brücke – mit den rechtsrheinischen Stadtteilen. Wer Düsseldorf besucht, sollte sich von zahlreichen Joggern überholen lassen und einen gemütlichen Spaziergang entlang der weitläufigen Oberkasseler Rheinwiesen unternehmen. Wenn nicht gerade die sommerliche »Größte Kirmes am Rhein« aufgebaut ist, kann man an Wochenende beinahe ganzjährig die riesigen Drachen am Himmel über den Rheinwiesen bewundern, bevor sich besonders in der Dunkelheit der Blick auf die bunte Düsseldorfer Skyline anbietet.

Versäumen sollte man keinesfalls einen Gang kreuz und quer durch die angenehmen Wohnstraßen des Viertels und entlang der an Geschäften, hochklassigen Restaurants und Cafés reichen Luegalle.

DUESSEL AQUA meint: Ein Muss für Kunstinteressierte ist die Julia-Stoschek-Sammlung, ein beeindruckendes privates Museum für Videokunst, das in diesem Jahr 2017 immerhin schon sein zehnjähriges Jubiläum feiert.

Eine Institution für »Schickimickis« ebenso wie »Normalos«, für alte Oberkasseler und für Fremde ist seit den wilden 70er Jahren das »Café Muggel« auf der Dominikanerstraße am Barbarossaplatz, das in seinem Keller eine Besonderheit für Cineasten beherbergt. Eine enge Treppe führt vom Gastraum des Lokals hinunter ins »Souterrain«. Es ist das kleinste Programmkino der Stadt, das neben einem hervorragenden und vielfach prämierten Filmprogramm auch eine eigene Bar aufzuweisen hat.